Der Turnverein Bodenheim trägt eine bedeutsame Jahreszahl in seinem Namen: 1848 revoltierten deutsche Bürger gegen die feudale Obrigkeit. Sie wehrten sich gegen den Verlust liberaler Rechte aus der Zeit der napoleonischen Herrschaft, wollten die Zersplitterung Deutschlands in fast 40 Einzelstaaten überwinden und forderten politische Beteiligung. Die Märzrevolution von 1848 ermöglichte noch im selben Jahr die ersten freien, allgemeinen und gleichen Wahlen zu einer gesamtdeutschen verfassungsgebenden Nationalversammlung. Versammlungsort wurde die Frankfurter Paulskirche; die Parlamtentarier erarbeiteten eine liberale Reichsverfassung, die aber rund ein Jahr später vor allem am Widerstand Preussens und Österreichts scheiterte.

Einer der eifrigsten Vertreter der Reichseinigung im Paulskirchen-Parlament war Friedrich Ludwig Jahn. Der 1778 geborene Pädagoge hatte bereits 1811 während der napoleonischen Herrschaft zur Volkserhebung, allgemeinen Volksbewaffnung und zur Einigung der deutschen Staaten zu einem Nationalstaat aufgerufen. Im selben Jahr richtete er als Lehrer in Berlin auf der Hasenheide erstmals ein Sportgelände ein. Die Übungen für junge Männer unter anderem an Reck und Barren nannte er Turnen - abgeleitet vom Wort Turnier. Der Anklang an alte Waffengänge kam nicht von ungefähr: Jahn sah die neuen sportlichen Übungen auf dem Turnplatz durchaus als vormilitärische Jugenderziehung. Die Folgen seiner politischen Aktionen für den späteren "Turnvater": Er kam als Demagoge von 1819 bis 1825 in Festungshaft und wurde bis 1840 unter Polizeiaufsicht gestellt.

Als Jahn 1852 starb, hatte seine Turnerei zahlreiche Anhänger gefunden, wenngleich Preussen mit einem Turnverbot reagierte, das bis 1842 galt. In Bodenheim hatten Bürger wie in vielen anderen Orten auch einen Turnverein gegründet, und zwar gerade in dem stürmischen Jahr 1848. Schon im Herbst konnte er seine Fahne, eine Stiftung der Frauen des Ortes, weihen, und seine Sportler traten zu einem ersten Bezirksturntag in Mainz an. Die Fahne ist noch in Fragmenten vorhanden. Sie ist im Foyer des Turnerheimes ausgestellt. 1850 zählte der Verein 34 Mitglieder. Die wenigen Dokumente aus dieser Zeit nennen als Vorstandsmitglieder J. Kirch (Vorsitzender), J. Brahm (Stellvertreter), V.F. Dörr (Schriftwart), J. Bollinger (stellvertretender Schriftwart), A. Kerz (Turnwart), Fr. Kögler (Zeugwart) und S. Walluf als "Säckelwart".

Da sich viele Turnvereine an den revolutionären Bewegungen in den Jahren 1848 und 1849 beteiligt hatten, wurden sie folgerichtig als politische Vereine betrachtet und von der damaligen - auch für Bodenheim zuständigen - hessischen Staatsregierung mit Verordnung vom 20. Oktober 1850 aufgelöst. Das bereitete zwar dem jungen Turnverein formal ein vorläufiges Ende. Lust und Liebe zur Turnerei blieben aber erhalten; auch ohne Verein wurde weitergeturnt.

Nach Aufhebung des Verbots 1862 fand der Verein schnell zur alten Stärke zurück und weitete in den Folgejahren seine Aktivitäten aus. Beim ersten sogenannten Anturnen 1868 wurden 38 Mitglieder gezählt. Mit mittlerweile 100 Sportlern traten die Bodenheime 1877 zum 9. Gau-Turnfest an. 1878 konnte der Verein einen Turnplatz kaufen; außerdem erhielt er Korporationsrecht. 1887 errang Turner Karl Angermayer auf dem 13. Gau-Turnfest in Gau-Algesheim den 1. Preis. Am 18. August 1889 wurde die neu erstellte Turnhalle eingeweiht. Vorher musste bei schlechtem Wetter in einer Scheune geturnt werden. Das 50-jährige Bestehen wurde vom 21. bis 23. Mai 1898 gefeiert, zum Fest stifteten die Bodenheimer Frauen eine neue Fahne.

Vom 9. bis 11. Juni 1900 richtete der Verein das 26. Gau-Turnfest in Bodenheim aus. Als Festplatz diente die ehemals dem St. Albansstift gehörige Hofwiese ("Huwiese" genannt). Die eigens für das Fest aufgebaute Festhalle wurde danach von der Spar- und Darlehenskasse - später Raiffeisenkasse - erworben und auf der ebenfalls dem ehemaligen St. Albansstift gehörigen "Beune" als Getreidescheune wiederaufgestellt.

Im 1. Weltkrieg ließen 25 wehrpflichtige Turner ihr Leben. Die Turnhalle diente in dieser Zeit als Gefangenenlager und während der nachfolgenden Besatzung als Unterkunft für ausländische Truppen. Nachdem Frankreicht 1919 das Rheinland besetzt hatte, waren Versammlungen von Turnvereinen grundsätzlich verboten, sofern sie nicht ausdrücklich und im Einzelfall genehmigt worden waren. Das Verbot endete 1930, erst danach konnte der Verein sich wieder frei entfalten. Dennoch wurde 1921 die Leichtathletikabteilung und 1924 die Handball-Abteilung gegründet. 1932 kaufte der Verein ein 2632 Quadratmeter großen Gelände bei der "Hofwiese" als zukünftiger Sportplatz. 

Als 1933 die ersten Damen zum Turnen kamen, veranlaßte das den damaligen katholischen Pfarrer zu folgendem Schreiben:

"Wie mir bekannt geworden ist, beabsichtigt der Turnverein in seinen Reihen nun auch eine Damenriege aufzunehmen, und zu diesem Zwecke auch die weibliche Schuljugend turnerisch zu organisieren. Um eventuelle Schwierigkeiten mit dem Turnverein und künftigen weiblichen Mitgliedern vorzubeugen, übersende ich hiermit die katholischen Leitsätze unserer Bischöfe, welche bezüglich des Turnens für uns Katholiken verpflichtend sind." Vor allem die Sittlichkeit sollte bei den Übungen der Damen gewahrt bleiben, beispielsweise mit stoffreichen Beinkleidern.

Im gleichen Jahr verfiel auch der Turnverein der "Gleichschaltung", mit der die Nationalsozialisten möglichst alle Organisationen auf ihre politische Linie bringen wollten. Der Vorstand der Deutschen Turnerschaft forderte alle Vereine auf, "sich mit aller Kraft der nationalen Erhebung des Deutschen Volkes und ihren Führern zur Verfügung zu stellen". Marxisten und Juden wurden aus den Vereinen ausgeschlossen, an die Spitzen der Vereine "Führer" berufen und das Turnen als Beitrag zur "Wehrertüchtigung" gesehen. Vereinspolitik und NSDAP-Parteipolitik lagen damit auf einer Linie.

Der damalige Sprecher des Turnvereins August Hesse legte den Vorsitz nieder. Aus der am 20. Mai folgenden Wahl ging er als "Führer" hervor und berief Georg Eberhard zum Stellvertreter, Georg Sauer zum Oberturnwart und Josef Acker zum Schriftführer. Schon am 20. Dezember erklärte er aber seinen Rücktritt. Sein Stellvertreter Georg Eberhard übernahm die Führung und wurde am 3. Februar 1934 zum "Führer" vorgeschlagen und gewählt. Die Gleichschaltung führte auch zum Austritt von 48 Mitgliedern und damit von immerhin einem Viertel der Vereinsangehörigen.

Ungeachtet der politisch bedingten Eingriffe in das Vereinsleben ging der Sportbetrieb weiter. So errangen bei der Teilnahme am Deutschen Turnfest 1933 in Stuttgart die Turner Georg Bieger im Zwölfkampf und Jakob Schäfers im Fünfkampf Siege. 1935 erhielt der Turner Mathias Bieger für seine Leistungen den “Ehrenbrief des Mittelrheinkreises". Von dem deutschen Turnfest in Breslau 1938 kehrten die Turner Adam Schmitt und Jakob Acker im Alters-Wettkampf sowie die Turnerin Hella Spangenberg als Sieger zurück.

Aus dem 2. Weltkrieg kehrten 37 Turner nicht mehr nach Bodenheim zurück. Die Turnhalle wurde als Gefangenenlager benutzt. Die Arbeit des Vereins kam zum Erliegen, und die Gemeinde Bodenheim wurde während dieser Zeit mit der Treuhänderschaft des Vereinsvermögens beauftragt. Als sich am Anfang des Jahres 1949 die Lage etwas geklärt hatte, wurde der Turner Johann Kirchner dazu bestimmt, sich bei dem französischen Sportoffizier um die Wiederaufnahme der Vereinstätigkeit zu bemühen. Da die französische Verwaltung den alten Vereinsnamen verboten hatten, mußte sich der Verein "Sportgemeinde 1848 Bodenheim" nennen.

Im Antrag vom 20. Juni 1949 an die "hohe Militärregierung" in Mainz hieß es dazu:

"Die in der Mainzerstrasse in Bodenheim gelegene Turnhalle des aufgelösten Turnvereins 1848 ist durch die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse sehr stark beschädigt worden. Um diese Gebäulichkeiten nicht vollständig dem Verfall anheimzugeben, haben sich eine grössere Anzahl früherer Sportler zusammengeschlossen, um den Verein nunmehr unter dem Namen " Sportgemeinde 1848 Bodenheim " wieder in Tätigkeit zu bringen und gestatten sich, hiermit um Ihre alsbaldige Genehrnigung zu bitten. Der Verein beabsichtigt den Allsport wie Faustball, Leichtathletik, Radsport und das Turnen zu pflegen. Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, dass durch die beigeschlossenen Unterlagen sämtliche Voraussetzungen zu einer Genehmigung gegeben sind und bitten Sie ebenso höflichst wie dringend, unserem vorstehendem Gesuch alsbald stattzugeben."

Zuvor hatte am 18. Juni 1949 eine Versammlung, zu der 80 Mitglieder erschienen waren, notgedrungen in die Namensänderung eingewilligt. Außerdem hatte sie einen vorläufigen Vorstand gewählt. Etwa zur selben Zeit beschloss der Radfahrerverein "Wanderlust 1912", sich als Radsportabteilung der neuen Sportgemeinde 1848 anzuschließen. Dieser Beschluß wurde in einer außerordentlichen Generalversammlung vom 28. August 1949 gutgeheißen. Bei der nachfolgenden ordentlichen Generalversammlung vom 22. Januar 1950 legte der vorläufige Vorstand sein Amt nieder. Aus der Wahl gingen die Turner Georg Eberhard als 1. und Jakob Kern als 2. Vorsitzender hervor. Da inzwischen ein neue Besatzungsstatut das Vereinswesen wieder in deutsche Zuständigkeit übertagen hatte, wurde der alte Name TURNVEREIN 1848 BODENHEIM wiederbelebt.

Auch die schwer beschädigte Turnhalle konnt 1950-51 erneuert werden, und zwar mit den Abbruchsteinen des Hauses Dr. Minrats (gegenüber der heutigen Marien Apotheke). Danach begann der Turn- und Sportbetrieb wieder in allen Abteilungen. Die ersten Erfolge erzielten in den Jahren 1951 und 1952 Eleonore Balser als Landesmeisterin im 100-m-Lauf und Heinrich Löb als Landesmeister im Stabhochsprung mit 3,20 Metern.

Auf dem Landesturnfest in Guntersblum belegte die Mannschaft des Turnvereins im gemischten Mannschaftswettkampf den 1. Platz. Auf dem Landesturnfest 1954 in Wöllstein wurde Heinrich Löb im Wettkampf der Altersklasse 1. Sieger. Eleonore Balser wurde im Leichtathletik Fünf-Kampf der Frauen Siegerin. Die 4 x 100 m-Staffel der Männer konnte ebenfalls einen Sieg davontragen. In diesem Jahr wurde auf Initiative des Turners Helmut Schmitt die Handballabteilung wieder ins Leben gerufen. Neben einer 1. und 2. Mannschaft konnte Ende des Jahres eine Jugendmannschaft den Spielbetrieb aufnehmen.

1954 legte der Vorsitzende Georg Eberhard, der 21 Jahre die Geschicke des Vereins geleitet hatte, sein Amt nieder. Er wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Neuer Vorsitzender wurde Josef Pelz. Bei den Landesmannschaftsmeisterschaften 1956 belegten die Turner des Turnvereins den 2. Platz. Diese Plazierung war der Höhepunkt vieler Erfolge dieser 1. Mannschaft.

1958 feierte der Verein sein 110-jähriges Bestehen. Der Reingewinn dieses Festes ermöglichte den finanziellen Grundstein für den Bau einer neuen Turnhalle. Am 9. Juni 1959 legten die Mitglieder Helmut Schitt und Rudi Acker bei einer Vorstandssitzung erstmals Pläne für die neue Turnhalle vor. Sie fanden beim gesamten Vorstand Anklang. Der Neubau neben der Marien Apotheke wurde 1960 begonnen. Am 1. September 1962 konnte die Halle ihrer Bestimmung übergeben werden.

Auf Wunsch der Aktiven der Leichtathleten des VfB und des Turnvereins schlossen sich 1964 diese zur einer LG Bodenheim zusammen, um bessere Leistungen in Mannschafts-Wettkämpfen zu erzielen. Die ersten Erfolge nach dem Turnhallenneubau erreichten 1965 bei den jugendbestenkämpfen des Turngaus Mainz die 1. Schülermannschaft mit dem 1. Platz.

In den Folgejahren reagierte der Verein mit einer Reihe neuer Angebote auf die veränderten Wünsche vieler Bürger nach sportlicher Betätigung. Am 21.06.1967 wurde auf Initiative von Adam Horn, Josef Kern und Klaus Gahn die Jedermannabteilung gegründet, die sofort großen Zuspruch aus der Bevölkerung erhielt.

Die LG Bodenheim schloß sich der LG Rheinfront an. der Betritt zu dieser Gemeinschaft verbesserte die Trainingsmöglichkeit und führte zu weitaus besseren Leistungen der Athleten.

Als Reaktion auf die wachsende Zahl der Sporttreibenden wurde 1972 der Geräteraum der alten Sporthalle erweitert, und und neue Umkleideräume wurden geschaffen.

Der 1. Vorsitzende Josef Pelz, der 17 Jahre die Geschicke des Turnvereins geleitet hat, wurde am 19.03.1972 zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Unter seiner Leitung war der Turnverein zu einem der stärksten Vereine des Turngaues Mainz-Bingen geworden. Zum neuen Vorsitzenden wurde Josef Jertz gewählt.

Der Bau der Sport- und Festhalle verbesserte vom August 1980 an die Trainingsmöglichkeiten aller Abteilungen. Dies läßt sich leicht aus den sportlichen Erfolgen des Vereines der Folgezeit ablesen.

Aber nicht nur die besseren Trainingsbedingungen trugen zur Vereinsentwicklung bei, sondern auch die mit der neuen großen Halle möglich gewordene Hinzunahme neuer Sportangebote. Mit der Gründung der Badmintongruppe im September 1980 nahm dies seinen Anfang, an dessen Ende heute ein umfangreiches und vielschichtiges Sportangebot steht.

Mit der Sport- und Festhalle kam die Frage auf, was nun mit der "guten alten" Turnhalle in der Mainzer Straße geschehen solle. Schnell wurde klar, daß eine Nutzung erhebliche Investitions- und Folgekosten nach sich ziehen würde, wobei der Nutzen den nötigen Aufwand nicht rechtfertigen würde. So beschloss die Generalversammlung im April 1981 den Verkauf der alten Turnhalle und beauftragte den damaligen Vorstand unter Josef Jertz, den Bau eines Turnerheimes in Angriff zu nehmen.

Als unser Verein im Jahre 1983 die 1.000-Mitglieder-Grenze überschritten hatte und somit zu den Großvereinen Rheinhessens zählte, konnte am 1. Oktober 1983 das Turnerheim in der Laubenheimer Straße 16 eingeweiht werden. Damit war es möglich, den Mitgliedern eine schmucke Geschäftsstelle und gleichzeitig eine gemütliche (Gast)Stätte der Begegnung zu präsentieren, deren Betrieb später jedoch eingestellt wurde.

Im Jahre 1990 wurde eine neue Sportanlage eingeweiht, die vor allem für die Leichtathleten, aber auch für andere Gruppen neue Möglichkeiten bot. Im selben Jahr bot der Verein erstmals einen Crosslauf in den Bodenheimer Weinbergen an, der in den Folgejahren Teilnehmer aus weiten Teilen Deutschlands nach Bodenheim lockte. Weiterhin wurde die stetig intensivierte Jugendarbeit nun auch formal mit der Einführung des Jugendausschusses dokumentiert, dessen Aufgabe insbesondere in der Vertretung und Integration der Jugendlichen im Verein besteht.

Der Verein ist mittlerweile auf über 1400 Mitglieder angewachsen und bringt damit das Raumangebot in den alten Sportstätten an seine Grenzen. Zur Zeit laufen Vorbereitungen für eine neue Sportanlage "Im Bürgel".